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Mein Weg heraus aus der Homosexualität
Ben Newman
(Article available as PDF here)
Der vorliegende Aufsatz wurde als Vortrag auf
einer internationalen Tagung der Therapeuten-Vereinigung NARTH (National Association of
Research and Therapy of Homosexuality) gehalten. Der Vortragsstil wurde in der schriftlichen Fassung beibehalten. NARTH ist eine
Berufsvereinigung, die sich unter anderem für
die reparative Therapie von Homosexualität
einsetzt. Der Begriff der reparativen Therapie,
der auch im folgenden Text auftaucht, stammt
ursprünglich von Anna Freud, der Tochter Sigmund Freuds. Er bedeutet nicht, daß die Homosexualität zu reparieren wäre, sondern
daß Homosexualität selbst einen reparativen
Antrieb darstellt. Homosexualität ist also ein
Hinweis drauf, daß etwas Tieferliegendes, und
zwar das Gefühl für die eigene geschlechtliche
Identität als Mann oder Frau, wiederhergestellt
werden soll.
Ginge es bei mir nicht um die
Veränderung meiner homosexuellen Orientierung durch
reparative Therapie, sondern zum Beispiel
um die erfolgreiche Verringerung meines zu
hohen Körpergewichts, könnte ich Ihnen jetzt
diese obligatorischen Vorher-nachher-Photos
zeigen. Dann würden Sie auch gleich sehen,
wie sehr ich mich verändert habe. Aber ich bin
ja hier, um Ihnen zu erzählen, wie ich Gesundung von süchtiger und ungewünschter Homosexualität erfahren habe. Das kann ich nicht
mit Photos zeigen. Ich möchte Ihnen aber
mit Worten einen Vorher-nachher-Eindruck
vermitteln.
Das heißt nämlich nicht, daß meine Veränderung nicht auch nach außen hin sichtbar wäre.
Letzte Woche zum Beispiel telefonierte meine
Frau mit ihrer Schwester, die von meinen inneren Kämpfen nichts weiß. Meine Frau erzählte
ihr, daß ich gerade zu einem Freund gegangen
sei, um ihm beim Bau seines Dachgeschosses zu helfen, worauf die Schwester erwiderte:
Meine Güte, hat er seine Persönlichkeit umgetauscht? Das ist noch gar nichts, fuhr meine
Frau fort, er hat sogar sein eigenes Werkzeug
mitgenommen. Meine Schwägerin meinte daraufhin zu Recht: Vor fünf Jahren hätte er das
niemals gemacht.
Der lange innere Kampf
Heute vor viereinhalb Jahren war ich fünfunddreißig Jahre alt und stand kurz vor dem Beginn meiner reparativen Therapie. Ich war seit
neun Jahren verheiratet, und wir hatten zwei
Kinder. Ich arbeitete aktiv in meiner Kirchengemeinde mit und hatte eine zehnjährige, erfolgreiche Karriere als Public-Relations-Manager
hinter mir. Aber ich lebte ein klassisches Doppelleben: Nach außen hin war ich der erfolgreiche Familienvater, und heimlich war ich ein
hochgradig sexsüchtiger homosexuell lebender Mann. Seit zwanzig Jahren war ich pornografiesüchtig und seit vierzehn Jahren konnte
ich nicht ohne homosexuelle Kontakte auskommen - die meisten davon waren anonyme One-Night-Stands.
Während dieser vierzehn Jahre hatte ich fast
ein Jahr lang offen in der homosexuellen
Szene von Los Angeles gelebt und hatte in der
gleichen Zeit auch drei kurzlebige
homosexuelle Beziehungen gehabt. Damals kam ich an
einen Punkt, an dem ich mich ganz bewußt für
eine homosexuelle, also schwule Identität
entschied. Ich muß zugeben, es war erregend und
berauschend zu fühlen, wie dadurch die Scham
von mir abfiel. Ich sah in den Spiegel und
sagte mir: Du bist schwul. Nur darum geht es. Das erklärt alles. Das ist deine Bestimmung.
Zu fühlen, wie die Scham sich von mir löste,
der Homosexualität nicht mehr zu widerstehen
und stattdessen eine homosexuelle Identität
in einem positiven Licht zu sehen - das alles
war beinah spirituell; jedenfalls verlieh es mir
Kraft. Ich verstehe deshalb, was Leute meinen,
wenn sie von gay pride sprechen. Es bedeutet Freiheit und das Gefühl, sich endlich nicht
mehr schämen zu müssen.
Aber es hielt nicht lange an. Indem ich eine homosexuelle Identität annahm, zerplatzten alle
meine Träume. Ich stellte fest, daß der persönliche und beruß iche Lebensweg, den ich gehen
wollte, die Bücher, die ich schreiben wollte und
meine Mitarbeit in der Ortsgemeinde, sich allmählich in nichts auß östen. Stattdessen kreiste mein Leben um die Homosexualität, kreiste
darum, sexuelle Erfahrungen zu machen und
endlich den richtigen Mann (in meinem Fall
die richtigen Männer) zu finden.
Dann aber traf ich Marie. Mit ihr
konnte ich in meinem Leben
etwas Besseres sehen und
auch sie sah jemand Besseren in mir. Der
Mann, der ich in ihren Augen war, war ein
besserer Mann, einer, der noch Träume für
sein Leben hatte. Sie war der erste Mensch,
dem ich von meinem inneren Kampf erzählte,
der weder ein homosexuell lebender Mann
noch ein Therapeut oder eine Therapeutin
war. Ich war wie vor den Kopf gestoßen, als
sie daraufhin sagte: Okay, und was machen
wir jetzt? Wundern Sie sich da, daß ich mich
in sie verliebte?
Als wir dann 1988 heirateten, war ich sechsundzwanzig Jahre alt. Natürlich änderte das
nichts an meiner Homosexualität, das hatte ich
auch nicht erwartet. Dennoch unterschätzten
wir beide, welche erheblichen Anstrengungen
auf uns warteten und wie viel ich angesichts
meiner tief eingefahrenen Sucht würde an mir
arbeiten müssen.
Etwa achtzehn Monate lang ging ich dann zu
einer Therapeutin, die ich in den Gelben Seiten
gefunden hatte. Ich begann die Therapie ein
Jahr vor unserer Heirat. Damals traf ich mich
mit Männern und Frauen zu Rendezvous, um herauszufinden, welcher Weg wohl mein Weg
werden würde. In der Therapie entdeckte ich
viel Zorn in mir, der vor allem die Beziehung
zu meiner Mutter betraf. Mit meinem Vater beschäftigte ich mich nicht. Vielmehr verschloß
ich die Augen vor der Notwendigkeit, an meiner Vaterbeziehung zu arbeiten. Auch an den
wichtigen Themen der männlichen Identitätsfindung und der Beziehung zu gleichaltrigen Jungen (früher) und erwachsenen Männern (heute) arbeitete ich nicht. Dennoch half mir meine
Therapeutin sehr, mein Leben anzuschauen
und die beiden Wege anzuschauen, die ich
ging. Denn es war klar: die beiden Wege, die
ich ging, würden sehr bald so weit auseinander
gehen, daß ich mich für einen würde entscheiden müssen.
Eine der hilfreichsten Dinge, auf die mich meine Therapeutin hinwies, waren die Anonymen
Sexsüchtigen (AS)[1]. Damals hatte ich das Gefühl: Das ist es. Das ist die Antwort. Es ist eine Sucht. Wenn ich es angehe wie eine Drogenabhängigkeit, komme ich davon los. Das
Zwölf-Schritte-Programm der AS half mir sehr,
weil es immer wieder die Notwendigkeit betonte, aus der Isolation herauszukommen und die
eigene Ohnmacht Gott hinzuhalten. Die wöchentlichen Treffen und die Tatsache, daß ich
dort Rechenschaft über mein tägliches Leben
abgeben mußte, waren ebenfalls außerordentlich hilfreich. Trotzdem kam es für mich bei den
Treffen nie zu einer tieferen Verbindung mit den
anderen. Es wurde mir zu leicht gemacht, mal
dabei zu sein und mal nicht. Auch half mir das
Programm der AS nicht, eine Schicht tiefer zu
sehen. Ich sah nur mein Verhalten, nicht aber
die zugrundeliegenden Motive für dieses Verhalten. Am Verhalten zu arbeiten, war notwendig und sehr wichtig für mich, aber sexuelle Abstinenz allein bedeutete noch keine tiefe Heilung und Veränderung. Nach einiger Zeit bei
den AS hatte ich mich völlig verausgabt, und
als noch andere Probleme in meinem Leben
hinzukamen, behauptete ich, daß ich die Treffen der Anonymen Sexsüchtigen nicht mehr
brauchen würde.
Insgeheim aber nahm mein homosexuelles
Ausagieren erheblich zu. Jedes Gefühl löste
n mir ein Verlangen nach Sex aus: Zorn und
Wut besonders, aber auch depressive Gefühle, Einsamkeit, Ängste und Scham. Und diese
Gefühle erlebte ich sehr häufig. Sogar Freude,
bei jeder Art von freudigem Anlaß, wo ein anderer vielleicht gern ein Glas Wein trinken würde,
brauchte ich den Kick von Sex, um feiern zu
können.
Wirkliche Freunde hatte ich keine, nur nette
Bekannte. Meinen besten Freund sah ich vielleicht drei- oder viermal im Jahr und telefonierte
alle paar Monate mit ihm. Es war ziemlich oberß ächlich. Dabei hungerte ich zutiefst nach Liebe und Annahme von Männern, nach positiver
Bestätigung und Berührung durch sie. In meiner Vorstellungswelt war Homosexualität die
einzige Möglichkeit, männliche Liebe zu erhalten; dort war für mich der einzige Ort für Nähe
und männliche Berührung. Ich war überzeugt,
daß es unter heterosexuellen Männern keine
Liebe, Brüderlichkeit, bedeutsame Freundschaft oder Berührung gäbe. Richtige Männer,
so dachte ich, brauchen keine anderen Männer. Richtige Männer brauchen nur eine Frau,
eine Arbeit, vielleicht noch Sport - und das genügt. Deshalb konnte ich wohl auch kein richtiger Mann sein, denn mir genügte das nicht.
Die einzige Antwort, die die sogenannte Intelligenz - und ich gebrauche dieses Wort in
einer sehr weiten Bedeutung - darauf hatte,
hieß: Verlasse Frau und Kinder, suche dir einen Mann, dann wirst du glücklich. Das kam für
mich aber nicht in Frage. Das war nicht, was
ich wollte. Ich liebte meine Frau und meine Kinder, ich wollte meine Familie und wollte nicht
schwul sein. Als ich noch Single war, hatte
ich homosexuell gelebt - aber ich hatte empfunden, daß es mein Leben entwürdigte. Ich
spürte im homosexuellen Leben eine tiefe Dunkelheit und auch (kann ich das vor einem säkularen Publikum sagen?), daß es falsch war. Ich
erlebte, daß das schwule Leben mit verletzten,
egozentrischen, zwanghaft der Sexualität und
einem Jugendkult verhafteten Männern angefüllt war. Es gab auch andere Männer dort,
aber sie waren mindestens ebenso verletzt und
schmerzerfüllt wie ich selbst.
Wenn das homosexuelle Leben gehalten hätte,
was es versprach, und ich die ersehnte brüderliche Verbundenheit und Annahme dort gefunden hätte, wäre ich dabei geblieben und hätte
nie mehr zurückgeschaut. Aber alles, was ich fand, waren zusätzlicher Schmerz und noch tiefere Ablehnung, weil ich nicht schlank genug,
nicht gutaussehend, jung und athletisch genug
war. So erfuhr ich tiefere Ablehnung von homosexuell lebenden Männern als ich sie jemals
von heterosexuellen Männern erlebt hatte.
Ich wollte mich wie ein wirklicher
Mann fühlen - und das hieß für mich,
heterosexuell zu sein und zu leben.
Außerdem war mir inzwischen klar geworden:
den richtigen Mann zu finden würde gar keine Lösung sein und ich würde ihn wohl auch
nie finden. Als ich schon verheiratet war, hatte
ich ein oder zwei Jahre lang gleichzeitig eine
homosexuelle Affäre mit einem anderen Mann,
der auch verheiratet war und Kinder hatte. Er
meinte, eine Dauerbeziehung zwischen uns
sei das Richtige, denn dadurch könnten wir
alles haben - eine Frau und Kinder, einen
heterosexuellen Lebensstil und gleichzeitig
die Liebe von einem Mann, nach der wir uns
so verzehrten. Es war eine fast perfekte Idee,
aber sie funktionierte für mich nicht. Solches
Leben erfüllte mich mit Scham und der bewußte Betrug ließ mich nicht los.
Das größte Problem war jedoch: Wenn ich mit
diesem Mann zusammen war, hatte ich ein unersättliches Verlangen nach mehr. Je mehr ich
ihn hatte, desto verzweifelter brauchte ich ihn
(oder einen anderen Mann, falls er nicht zur
Verfügung stand). Der Hunger verschwand
nicht, sondern wurde größer, wenn ich versuchte, ihn zu stillen.
Diese widerstreitenden Sehnsüchte, wie Joe
Dallas sie in seinem Buch nennt (Desires in
Conß ict[2]), und mein ganzes seelisches Verletztsein führten zunehmend dazu, daß mir der
Selbstmord als die vernünftigste Lösung erschien. Es schien der einzige Ausweg zu sein.
Am Wendepunkt:
Der Beginn der
“reparativen Therapie³
Mitten in dieser Krise, im Mai 1997, suchte ich
einen Therapeuten auf, der mit reparativer Therapie arbeitete - und
meine Veränderung begann. Ich kam darauf, als ich auf das Buch einer ehemals homosexuellen Frau stieß: Born
That Way? (deutsch etwa: So Geboren?)
von Erin Eldridge. Zum ersten Mal in meinem
Leben hörte ich von wirklicher Veränderung,
nicht nur von Abstinenz. Bei den Anonymen
Sexsüchtigen hatte man mir gesagt, daß man
sexuell abstinent leben kann. Aber ich hatte noch nie gehört, daß es möglich war, nicht
nur das Verhalten aufzugeben, sondern auch,
kein Verlangen mehr danach zu haben. Diese Vorstellung, mit dem Verhalten aufzuhören,
aber das Verlangen zu behalten, war mir schon
immer unglaublich schmerzhaft und im Grunde
unannehmbar erschienen. Aber hier beschrieb
eine Frau, daß beides für sie aufgehört hatte.
Durch das Buch erfuhr ich zum ersten Mal, daß
es eine Ex-Gay Welt gibt und daß es spezielle
Ex-Gay Beratungs- und Seelsorgedienste gibt.
Und durch diese kam ich dann zu einem reparativen Therapeuten.
Als ich die therapeutische Praxis betrat, war ich am tiefsten
Punkt meiner Krise angelangt
und überzeugt, daß meine Frau meine ständige Untreue nicht länger ertragen würde. Von
David, meinem Therapeuten, erfuhr ich, daß
er früher das gleiche Problem gehabt hatte;
das gab mir große Hoffnung. So begann ich
die Therapie mit den beiden wichtigsten Dingen, die ich für meine Veränderung brauchte:
Eine Krise und mitten darin Hoffnung.
Als nächstes las ich das Buch Reparative Therapy of Male Homosexuality3 von Joseph Nicolosi und stellte fassungslos fest, daß es in
dem ganzen Buch eigentlich nur um mich ging.
Ich war also gar nicht so einzigartig. Offensichtlich gab es genug andere Männer wie mich, um
ein ganzes Buch darüber zu schreiben. Ich arbeitete es intensiv durch und nahm zum ersten
Mal diese Wahrheit über das Thema Homosexualität in mich auf. Sie machte mir Sinn und
traf mich wie ein Lichtstrahl in der Dunkelheit.
Ich las dann Jason Parks Buch: Resolving Homosexual Problems und spürte, daß dadurch
noch mehr Licht und Wahrheit in mein Leben
kamen.
Ich spürte einfach, daß das, was ich las, richtig
war und stimmte. Zum ersten Mal konnte ich das Chaos in meinem Leben verstehen. Was
die Popkultur mir an Antworten geboten hatte,
war mir niemals stimmig und sinnvoll erschienen. Es paßte nicht zu dem, was ich ansonsten
über mich, über Gott und über die Welt wußte.
Ihre Antworten waren mir letztlich unwissend
und nur angepaßt, bequem vorgekommen.
Aber diese Erklärungen, die ich jetzt hörte und
las: Homosexualität ist ein reparativer Antrieb,
um ungestillte, emotionale Bedürfnisse zu stillen; das Problem ist die defensive Abkopplung und die Antwort heißt bewußte Bindung
- diese Antworten machten mir Sinn und entsprachen mir. Sie paßten zu meinem Wissen
über mich selbst wie die fehlenden Teile eines
nun endlich vollständigen Puzzles; und sie ließen Licht und Freude in mein Leben ß ießen.
Mit wachsendem Verstehen (durch die Bücher) und durch die therapeutische Arbeit sah
ich schnell, warum mein Leben bisher so und
nicht anders verlaufen war. Als ich die Entwicklung meiner Homosexualität sah und verstand,
konnte ich auch sehen: der Weg hinein in die
Homosexualität kann - umgekehrt gegangen
- auch der Weg heraus aus der Homosexualität sein.
Meine Entwicklung zur
Homosexualität
Fünf Faktoren waren es, die eine wichtige Rolle
in der Entwicklung meiner Homosexualität gespielt hatten:
Der erste war meine Veranlagung. Ich war ein
zarter, sensibler Junge, der, wie meine Mutter
immer sagte, ihr nie Probleme gemacht hatte. Ich hatte ein empfindsames Wesen, wie es
vermutlich viele erwachsene Frauen an einem
Mann schätzen. Von meinen Altersgenossen
jedoch wurde ich als Junge deshalb gehänselt
und schikaniert. Durch meine Empfindsamkeit,
Liebenswürdigkeit, Freundlichkeit und Zartbesaitetheit besaß ich viel Mitgefühl, kümmerte
mich um andere und war offen für geistliche
Dinge. Gleichzeitig war ich dadurch aber auch
sehr dünnhäutig und außerordentlich empfindlich gegenüber dem Urteil anderer.
Zweitens erlebte ich meinen Vater als sehr passiv und desinteressiert. Er war zwar freundlich, aber distanziert. Ich lehnte ihn ab, weil er mir
weichlich und schwach vorkam und sich von
meiner Mutter dominieren ließ. Er war kein Vorbild für mich. Er hatte mit meinem Leben so wenig zu tun, ja wir waren beide beziehungsmäßig
so voneinander abgekoppelt, daß wir nicht einmal Streit miteinander hatten. Als ich dies Jahre
später feststellte, traf mich das sehr. Ich mußte
feststellen, wie wenig wir beide in unsere Beziehung investiert hatten bzw. wie wenig wir
uns offensichtlich aus unserer Beziehung gemacht hatten. Unserer Beziehung fehlte jede
Leidenschaft - positiv wie negativ.
Drittens: Meine Mutter empfand ich als sehr dominant. Männern und Jungen gegenüber war
sie verurteilend, voller Abneigung und Mißbilligung. Sie hatte sich außerdem wohl statt meiner immer ein Mädchen gewünscht. Ich nahm
an, daß Mädchen für sie einfach zivilisierter waren und sich besser benahmen. Da ich anderen
immer alles recht machen wollte, hatte ich den
Schluß gezogen: Je weniger ich mich wie ein
Junge und je mehr wie ein Mädchen verhielt,
desto zufriedener würde meine Mutter sein.
Viertens war ich sehr unsportlich, weswegen
ich auf der weiterführenden Schule oft verspottet und ausgelacht wurde und daher immer wieder panische Ängste ausstand. Während der
sechs Jahre auf der Highschool fühlte ich mich
drangsaliert, hatte entsetzliche Ängste und war
voller Scham. Ich kann mich nicht mehr an jede
Einzelheit erinnern und auch nicht mehr, wie oft
man mich schikanierte, aber ich weiß, daß ich
jeden einzelnen Tag mit der Angst davor lebte.
Fünftens: Ich ß üchtete mich in Pornografie und
Masturbation. Meine ersten sexuellen Gefühle
im Alter von dreizehn oder vierzehn Jahren hatten mit Frauen zu tun. Ebenso hatte die erste
Pornografie, die mir im Alter von fünfzehn Jahren gezeigt wurde und die mich faszinierte, mit
Frauen zu tun. Je mehr pornographische Bilder
ich jedoch anschaute, desto härtere Darstellungen brauchte ich, um noch den gleichen Adrenalinschub zu bekommen. Und je mehr Hardcore-Pornografie ich anschaute, desto mehr
ging meine Aufmerksamkeit zu den Männern
auf den Bildern statt zu den Frauen. Ich begann, Phantasien über Männer zu haben. Ich
wollte sein wie sie, wollte einer von ihnen sein.
Beim Anschauen pornografischer Männerbilder
fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben männlich, hatte ich zum ersten Mal ein
Gefühl von Männlichkeit. Deshalb assoziierte
ich Pornografie mit männlicher Bestätigung.
Ich habe mich oft gefragt, welche Auswirkungen die anderen Probleme mit Vater, Mutter
und den gleichaltrigen Jungen wohl auf mein
Leben gehabt hätten, wenn diese nicht durch
Pornografie so verstärkt und sexualisiert worden wären.
Etwa zur selben Zeit, in der meine
Therapie begann, verschrieb ich
mein Leben Gott so radikal, wie
ich es bisher nie getan hatte, obwohl ich ja
schon viele Jahre einer Kirchengemeinde angehört und das Zwölf-Schritte-Programm bei
den Anonymen Sexsüchtigen absolviert hatte.
Zum ersten Mal wurde mir nun mein Gesundungsprozeß wichtiger als der Wunsch, mein
Problem geheim zu halten. In all den vorangegangenen Jahren hatte ich nur eines im Sinn
gehabt: Keiner darf es erfahren. Und während
ich das Geheimnis zu wahren versuchte,
versuchte ich gleichzeitig, etwas Veränderung
und Heilung zu erlangen. Es war zwar jetzt
auch nicht so, daß es mir nichts ausgemacht
hätte, wer es nun vielleicht alles erfahren würde. Aber ich war zu diesem Risiko bereit, weil
ich Veränderung erleben wollte. Ich fing an,
Menschen, von denen ich mir Hilfe erhoffte,
von meinen Problemen zu erzählen.
Die Therapie
In der Therapie arbeitete ich an den Themen
Scham, Trauer und Zorn. Ich empfand Scham
wegen meiner sexuellen Süchtigkeit. Allerdings
empfand ich noch mehr Scham über meine Unsportlichkeit, denn sportlich sein und männlich
sein waren für mich ein und dasselbe. Intensiv
arbeitete ich an meinem Zorn und meiner Wut.
Unter der Scham war sehr viel Zorn verborgen,
und als ich Zugang zu diesem Zorn fand, konnte ich auch die Scham loslassen. Wann immer
wir das Thema Scham oder Ähnliches berührten, hatte ich zunächst die Neigung, mich als
Opfer zu sehen, in die Trauer zu ß üchten und
für weitere Gefühle nicht zugänglich zu sein. David, mein Therapeut, nahm das wahr. Er
half mir, Zugang zu meinem Zorn zu bekommen und dadurch auch die Energie zu bekommen, die Scham aus meinem Leben hinauszuwerfen.
Er half mir, meine legitimen Bedürfnisse zu sehen: die tiefe Sehnsucht eines kleinen Jungen nach
der Liebe und Anerkennung seines Vaters,
nach Berührung durch den Vater und nach
einem unbekümmerten Angenommenwerden
durch die männlichen Spielkameraden. An
einen Satz von David erinnere ich mich besonders: Deine Seele fordert eine Verbindung
mit Männern. Aber auf welche Weise sie diese
bekommt, das bestimmst du.
Nachdem ich zwanzig Jahre lang gerungen
hatte, lernte ich endlich das Prinzip der Erfüllung anstelle des Prinzips des Verzichts oder
der Kontrolle. Das änderte alles. Ich begann
aktiv, mein Leben mit guten Dingen zu füllen,
mit Dingen, die meine Seele wirklich brauchte
und immer noch braucht. Ich wollte mich nicht
mehr damit begnügen, nur auf diejenigen Dinge zu verzichten, die eine Perversion meiner
wirklichen Bedürfnisse waren.
Das wirkliche Leben:
meinen Ängsten
begegnen
Aufgrund der Therapie konnte sich vieles in
meinem wirklichen Leben außerhalb der therapeutischen Praxis verändern. Ich sprach einen
Mann in meiner Kirchengemeinde an, den ich
nicht näher kannte, bei dem ich aber ein echtes Interesse an mir spürte. Ich fragte ihn, ob
er mein geistlicher Mentor sein könne, und er
sagte sofort ja. Ich schilderte ihm mein ganzes
Leben und auch, was ich gerade durchmachte.
Er traf sich dann wöchentlich mit mir, manchmal sogar jeden Tag. Wenn ich in irgendeiner
Krise war, konnte ich ihn jederzeit anrufen. Ich
tat, was ich bei den Anonymen Sexsüchtigen
gelernt hatte: Hatte ich gerade eine streßvolle
Zeit oder brauchte das Gefühl von Verbundenheit und Bezogenheit, rief ich ihn an oder fuhr
bei ihm vorbei. Er erlaubte mir, ihn täglich anzurufen, was ich zunächst nicht glauben konnte. Dann wurde mir klar: Da ich nie hatte glauben können, daß mein Vater echtes Interesse
an mir hat, konnte ich das auch keinem anderen Mann glauben. Irgendwann schrieb ich auf
einen Zettel: Martin sagt, du kannst jeden Tag
anrufen. Den Zettel trug ich in der Brieftasche,
um mein ß üchtiges Vertrauen zu stärken, daß
sich jemand wirklich um mich kümmert.
Ich begann, Freundschaften zu knüpfen, suchte Unterstützung durch andere und wollte aus
meiner Isolation herauskommen. Dabei ging es
mir um Beziehungen zu Männern, die wie ich
aus der Homosexualität herauskommen wollten, und ebenso um heterosexuell empfindende Männer, die von meinem inneren Ringen nichts wußten. Ich organisierte Wanderungen,
verabredete mich zum Essen und ähnliches.
Wenn jemand ein Buch zum Thema Freundschaft für Unbegabte gebraucht hätte, dann
ich. Ich hatte keine Ahnung. Meine Vorstellungen von Freundschaften unter Männern waren
bizarr. Ich war mit einem Vater aufgewachsen,
der keine Freunde hatte. Nie hatte ich ihn mit
anderen Männern zusammen gesehen außer
bei der Arbeit. So hatte ich die Vorstellung, daß
Freundschaft etwas für Kinder ist. Ein erwachsener, verheirateter Mann braucht keine Freunde,
er hat seine Ehe. Er geht auch mit niemandem außer der Ehefrau und vielleicht einem
anderen Ehepaar aus. Freundschaft unter Männern war etwas völlig Fremdes für mich.
Eine Zeitlang behauptete ich deshalb, bedeutsame Freundschaften unter heterosexuell lebenden Männern würde es nicht geben. Doch
dann zwang ich mich geradezu, die Augen offen zu halten, in Restaurants, Kinos oder zu
verschiedenen Veranstaltungen zu gehen und
festzustellen: Keineswegs war jeder Mann,
der hier mit einem anderen Mann zusammen
war, homosexuell. Ich stellte fest, daß es viele heterosexuelle Männer gab, die zusammen
mit einem anderen Mann in einem Restaurant
saßen. Vorher hatte ich das nie bemerkt.
Ich begann, die männliche Welt regelrecht zu
studieren. Ich beobachtete genau, wie heterosexuelle Männer miteinander umgingen. Ich
arbeitete an meinem Selbstbild als Mann und
besuchte ein Fitness-Studio. Das hört sich vielleicht komisch an, aber ich abonnierte sogar
eine Sportzeitung, um zu wissen, worüber
sich Männer unterhalten. Vieles davon ist mir
bis heute ein Rätsel oder interessiert mich
einfach nicht, aber wenigstens weiß ich jetzt,
wofür die Buchstaben NFL stehen, ich kann
die Football- und Baseballmannschaften voneinander unterscheiden und stehe nicht wie
ein völliger Dummkopf da, wenn Männer sich
über Sport unterhalten.
Das Schlimmste von allem war, mich mit meiner riesigen Angst vor Sport (Sportphobie), an
der ich seit meiner Highschool-Zeit litt, auseinanderzusetzen. Ich war an diesem Punkt
immer noch wütend auf mich selber und
konnte nicht darüber hinwegkommen. Im Alter von sechsunddreißig Jahren (!) fragte ich
einen Mann in der Kirche, der sportlich war
und außerdem mitfühlend erschien, ob er mir
nicht Basketball beibringen könne. Es tat so
weh, ihn nur zu fragen, und ich brachte die
Worte fast nicht heraus. Und dann sagte er
sogar ja. Das hieß, ich mußte es nun auch
wirklich tun. Jeden Samstagvormittag brachte
er mir ein paar Grundlagen bei. Es ging dabei weniger um Basketball als darum, meine Angst zu überwinden. Es ging darum, auf
dem Spielfeld zu stehen und mich nicht aufzulösen. Das erste richtige Spiel mit ihm war
dann auch tief verletzend, weil so viele alte
Wunden aufbrachen. Es dauerte danach eine Zeit, aber ich schaffte es, ein weiteres und
sogar ein viertes und fünftes Mal mit ihm zu
spielen und an meinen Verletzungen zu arbeiten. Ich konnte das nur, weil er mich als Mentor unterstützte. Er konnte verstehen, was ich
durchmachte; er spielte mir den Ball dann direkt zu und nahm mich während des Spiels
unter seine Fittiche.
Natürlich machte Basketball
mich nicht heterosexuell. Ich
wünschte, es wäre so leicht
gewesen. Aber es war eine große Sache,
meine Angst vor Sport und athletisch gebauten Männern zu überwinden. Ich hatte
einen Riesenschritt in meiner Persönlichkeitsreifung getan, weil ich gelernt hatte, mit
anderen Männern Sport zu treiben und mich
dabei wohl zu fühlen.
Meinen Platz in der
Männerwelt finden
Diese Entwicklung führte zu einer außerordentlichen psychischen und geistlichen Erfahrung.
Es war im März 1998, und ich hatte etwa zehn Monate Therapie hinter mir. Ich
war in meinem Büro und suchte im Internet
nach Organisationen und Literatur, die sich
mit dem Thema männliche Bestätigung befaßten. Und plötzlich hatte ich ein Gefühl von
Liebe für das Männliche, für Verbundenheit
unter Männern. Ich ging nach draußen, um
herauszufinden, was mit mir los war. Als ich
auf der Straße an Männern vorbeiging, wurde
mir auf einmal klar: Zwanzig oder dreißig Jahre lang hatte ich Männer immer nur mit den
kritischen Augen meiner Mutter gesehen. Ich
hatte Männer angeschaut und gedacht: Paß
bloß auf, sie werden dir wehtun und dich verletzen. An diesem Tag im März 1998 ging ich
auf die Straße und sah Männer als wunderbare Menschen an, denen ich mich tief verbunden fühlte, weil ich einer von ihnen war.
Ich verließ das Büro und ging zum Strand von
Los Angeles. Dort beobachtete ich die Männer und sog ihren Anblick tief in mich ein. Das
ganze Wochenende über hielt dieses starke
Gefühl von Liebe für Männer und Männlichkeit insgesamt an. Gleichzeitig kam ein richtiger Zorn in mir auf darüber, daß ich die negativen Auffassungen meiner Mutter so übernommen hatte. An diesem Wochenende warf
ich sie endlich über Bord - zusammen mit einer ganzen Weltsicht, wonach die Männer die
Wurzel allen Übels sind. Nie mehr habe ich
seitdem Männer in dieser negativen Weise
gesehen.
Einige Monate später, im August 1998, erfuhr
meine neue Weltsicht eine überwältigende
Bestätigung. David hatte mich ermutigt, das
Abenteuertraining der New Warriors mitzumachen. Ich hatte schon einmal davon gehört und mir war etwas beklommen zumute.
Es klang wie etwas, worüber ich mich früher
lustig gemacht hätte. Aber angesichts meiner
neuen Wertschätzung für Männer und Männlichkeit freute ich mich nun darauf. Beim Wochenendprogramm Abenteuertraining der
New Warriors geht es um ein intensives Erfahrungstraining. Es ist primär für heterosexuell
empfindende Männer gedacht, doch homosexuell empfindende Männer sind ebenfalls sehr
willkommen. Das Programm ist in freier Anlehnung an männliche Initiationsriten in Stammeskulturen entwickelt worden. Der Name New
Warriors (Neue Krieger) bezieht sich auf die
inneren Kämpfe, die Männer heute führen müssen - im Gegensatz zu den Kämpfen der alten
Krieger, die ihr Dorf oder ihre Gemeinschaft
schützen mußten.
Die erstaunlichste Erfahrung an diesem Wochenende machte ich am Sonntagmorgen, als
mir plötzlich klar wurde, daß Männer Gefühle
haben. Das hatte ich bisher nicht gewußt, bzw.
immer gedacht, ich sei der einzige, der Gefühle
hat. Warum dachte ich das? Dazu möchte ich
ein Beispiel nennen: Vor einigen Monaten erwähnte meine Mutter, sie habe Briefe von meinem Vater gefunden, die dieser nach Kriegsende in seiner Militärzeit in Japan geschrieben
hatte. Da meine Mutter wußte, daß ich immer
das Gefühl hatte, meinen Vater nie richtig kennengelernt zu haben, fragte sie mich, ob ich
die Briefe lesen wolle. Ich sagte ja, das wäre
interessant. Aber soviel wüßte ich ja auch von
Vater, daß man schon im Voraus sagen könne, die Briefe würden wohl wieder nur äußere
Ereignisse beinhalten. Die Briefe würden wohl
nichts sagen über seine Gefühle, darüber, was
er fühlte, wenn er so weit weg war. Darauf meine Mutter: Das wäre wohl wahr, aber schließlich habe er nie zu Depressionen geneigt und
sei auch niemals wirklich ärgerlich geworden -
über welche Gefühle hätte er schreiben sollen?
Mir stockte der Atem und ich dachte: Na gut, sie
hat ihn wohl auch nicht besser gekannt als ich.
So war ich also aufgewachsen
mit der Auffassung, daß Männer
einfach keine Gefühle haben. Und
nun saß ich hier an diesem New Warriors
Wochenende und entdeckte, daß Männer
sehr wohl Gefühle haben - Scham, seelische
Verletzungen; sie sind traurig oder zornig oder
empfinden Freude. Sie haben diesen Reichtum an Gefühlen. Mir öffnete sich eine völlig
neue Männerwelt, von der ich keine Vorstellung hatte, daß es sie überhaupt gab. Mir war,
als würde ich zum ersten Mal einen Blick in
die Seele von Männern werfen - und ich fühlte
mich dazugehörig.
Danach nahm ich an einer Integrationsgruppe
der New Warriors teil, die in unserer Ortsgemeinde angeboten wurde. Wir trafen uns wöchentlich. Nun ist es ja eine Sache, beim Therapeuten zu sitzen und darüber zu reden, wie
man Freundschaften beginnt; es ist aber etwas anderes, in einer solchen Männergruppe zu sitzen und dort über Freundschaft zu
reden. Denn in der Männergruppe sagten sie
dann gleich: Gut, gibt es hier in der Gruppe jemanden, mit dem du gerne eine Freundschaft
beginnen würdest? (Warum hatte ich das nur
gesagt?) Ähm, ja, preßte ich mühsam hervor,
mit Peter wäre ich gerne befreundet. Daraufhin meinten sie: Gut, dann sag Peter, was Du
von ihm willst.
Die Verbindung und Authentizität in der Männergruppe gaben mir genau die Brüderlichkeit
und Gemeinschaft mit Männern, die ich mein
Leben lang in der homosexuellen Subkultur gesucht hatte. Peter wurde übrigens einer meiner
besten Freunde.
Das Leben nach der Therapie:
Eine andere Welt
Nach siebenundzwanzig Monaten Therapie und fünfundzwanzig Monaten sexueller
Nüchternheit beendete ich im August 1999
die Therapie. Die therapeutische Arbeit war
die schwierigste und schmerzerfüllteste Arbeit
meines Lebens. Gleichzeitig war es die tiefgehendste, authentischste Arbeit meines Lebens
- und die lohnendste, die mir am meisten Freude brachte. Für Zeit und Ewigkeit werde ich
mich darüber freuen.
Jetzt geht es also um das Nachher-Bild. Ein
Freund sagte mir einmal: Ändere deine Perspektive und du änderst die Welt, die Welt, in
der du lebst und wie du sie siehst. Ich kann
das gut nachvollziehen. Heute ist die Welt für
mich nicht mehr voller kalter, herzloser Männer,
wie sie es noch vor fünf Jahren war. Heute ist
die Welt voller Männer, die auch Gefühle haben, die ein gutes Herz haben und - vielleicht
am wichtigsten - die mich als ihresgleichen anerkennen. Ich spüre das sogar, wenn fremde
Männer mir auf der Straße zunicken. Da gibt
es diese Verbindung in diesem Nicken, die mir
sagt: Wir gehören zusammen, wir Männer sind
eine Familie.
Früher reagierte ich auf männlich aussehende
Männer auf zwei Weisen: Ich baute meine Abwehrmechanismen auf, um mich vor ihnen zu
schützen, oder ich begehrte sie sexuell aus der
Ferne. Wenn ich dagegen heute einem männlich aussehenden Mann begegne, spüre ich Zugehörigkeit und Verbundenheit; ich möchte ihn
als Freund kennenlernen - ohne sexuelles Begehren. Ich habe heute mehr Freunde und tiefere Freundschaften als jemals zuvor.
Wenn ich gefragt werde, was Heilwerden bedeutet, antworte ich: Es ist Frieden und Ganzheitlichkeit. Es geht nicht um Heterosexualität
als solche, es geht um Frieden. Die Homosexualität hat mir das nicht bieten können. Jetzt
erlebe ich mein Leben als einen Ort, an dem
Frieden ist und Integrität. Ich lebe authentisch
und in echter Gemeinschaft mit anderen Männern und Frauen.
Vor zwei Jahren zog ich von Los
Angeles in den Bundesstaat Virginia. Ich mußte vieles in meinem
Leben ganz neu gestalten. Einiges, das ich gelernt hatte, mußte jetzt den Praxistest bestehen.
Ich kannte keinen einzigen Menschen in Virginia und mußte mit allem bei Null anfangen. Ich
begann in dem Ort, in dem ich nun lebe, eine
New Warriors Gruppe aufzubauen. Heute sind
wir mehr als zwölf Männer. Wir treffen uns jede
Woche, um innere Entwicklungsarbeit miteinander zu leisten oder manchmal auch einfach nur,
um miteinander zu spielen. Daneben versuche
ich, den Kontakt mit meinen Freunden in Los
Angeles zu halten und anderen zu helfen,
die ebenfalls Veränderung suchen. Vor einem
Jahr entwickelte ich zusammen mit Freunden
die Webseite www.peoplecanchange.com. Ich
erzähle dort meine Geschichte und ebenso
erzählen andere Männer, wie und wodurch sie
Veränderung ihrer homosexuellen Orientierung
erfahren haben. Wir wollen andere teilhaben
lassen an dem, was wir selbst gelernt haben.
Ich habe so lange nach Antworten gesucht und
möchte deshalb anderen zeigen, daß Veränderung eine Wirklichkeit ist. Sie ist möglich für die,
die sie wollen und bereit sind, sich der Arbeit
und Mühe zu unterziehen.
Was wäre im Rückblick
noch hilfreicher
gewesen?
Bevor ich meinen Bericht beende, möchte ich einiges nennen, das mir noch besser oder zumindest schneller hätte helfen können in meinem
Veränderungsprozeß.
Erstens: Ich wünschte, ich hätte meine ganze Vorstellungswelt über mich selbst und über
Männer insgesamt einer gründlichen Analyse
unterzogen. Und dann hätte ich mir die Hilfe eines Therapeuten gewünscht,
um diese Vorstellungswelt einer Realitätsprüfung zu unterziehen.
Ich sehe heute, wie stark mich bestimmte falsche Vorstellungen einengten, z. B.:
Männer haben keine Freunde; Männer brauchen keine anderen Männer; unter heterosexuellen Männern
gibt es keine authentische Freundschaft usw.
Hätte ich solche Lebenslügen früher erkannt
und sie durchbrochen, wäre ich sicher schneller
vorangekommen.
Zweitens: Ich würde früher die unmittelbaren,
heilsamen Erfahrungen mit heterosexuellen
Männern suchen, wie ich es dann bei den New
Warriors tat. Ich wünschte, ich hätte früher und
häufiger die Gelegenheit gehabt, solche Männer
kennenzulernen. Dann hätte ich auch eher lernen können, ihnen zu vertrauen. Ich hätte gerne in der Therapie gelernt und eingeübt, wie ich
Auge in Auge mit einem heterosexuellen Mann
umgehen kann. Dadurch hätte sich mein hartes
Urteil über heterosexuelle Männer ändern können, und ich hätte meine ganze falsche Vorstellungswelt über sie anschauen und bearbeiten
können.
Drittens: Ich hätte mir gewünscht, früher zu einer sinnvollen Männergruppe zu gehören. Viele
Männer, die mit Homosexualität ringen, sehnen
sich nach einem besten Freund, der immer für
sie da ist. Ich selbst wünschte mir weniger einen besten Freund als vielmehr eine Gruppe
von Freunden. Ich bin davon überzeugt, daß der
Mangel an Männerfreundschaften von vielen
heterosexuell empfindenden Männern als tiefer Verlust erlebt wird. Für homosexuell
empfindende Männer, die sich verändern möchten,
erschwert dieser Verlust ihren Veränderungsweg erheblich. Denn homosexuell orientierte
Männer glauben oft, daß es keine Verbindung
zur männlichen Welt gibt außer in der Homosexualität.
Viertens: Ich mußte unbedingt von meiner
Sportphobie und den mit dem Sport zusammenhängenden Traumata geheilt werden. Und
da mußte ich mir ganz allein Hilfe suchen. Ich
habe den Eindruck, daß Therapeuten und Ex-Gay-Seelsorgedienste diesen Punkt nicht ernst
genug nehmen. Dabei ist er für viele Männer,
die unter ihrer Homosexualität leiden, eine große und sehr schmerzhafte Wunde. Nur wenige
Ex-Gay-Seelsorgedienste veranstalten einmal
im Jahr ein Sportcamp oder bieten sporttherapeutische Wochenenden an. Nur Gespräche darüber - das ist nicht genug. Veränderung
muß praktisch erfahren werden. Ich hoffe, daß
alle, die in der reparativen Beratung engagiert
sind, hier etwas entwickeln können.
Ein letzter Bereich, der zu sehr vernachlässigt
wird, hängt mit heilsamer Berührung zusammen. Als ich meine Schutzmechanismen aufgab, war ich erschüttert zu entdecken, mit welcher Berührungsarmut ich aufgewachsen war.
In meiner Verwandtschaft war ein Händeschütteln zwischen Brüdern, Vätern und Söhnen
schon der Gipfel der Intimität. Was ich von mir
selbst kenne, habe ich auch von vielen anderen Männern gehört: Sie wollten eigentlich gar
keinen Sex, sondern einfach Berührung. Und
da sie nicht wußten, wie sie Berührung durch
heterosexuelle Männer bekommen könnten,
suchten sie Sex mit homosexuell lebenden
Männern. Als mich meine Freunde bei den
New Warriors unbekümmert und fest umarmten, spürte ich erst durch diese einfache Berührung, wie sehr ich das Bedürfnis nach solcher
Berührung hatte. Auch während Massagebehandlungen spürte ich das.
Wiederum: Ich hoffe, daß alle, die in der reparativen Beratung arbeiten, hier heilsame Alternativen für diejenigen entwickeln, die sich
Veränderung von ihrer homosexuellen Orientierung wünschen.
Anmerkungen:
[1] In der Bundesrepublik: Anonyme Sexaholiker,
AS Deutschland, Postfach 1262, 76002 Karlsruhe,
Webseite: http//www.as.org, Email: deutsch@sa.org.
[2] Dallas, Joe, Desires in Conß ict - Answering the
Struggle for Sexual Identity, Harvest House
Publishers, Eugene, Oregon, USA 1991.
[3] Nicolosi, Joseph, Reparative Therapy of Male
Homosexuality, Aronson, New Jersey, USA 1991.
Von Joseph Nicolosi ist in deutsch erschienen:
Homosexualität muß kein Schicksal sein (englisch:
Healing Homosexuality), erhältlich beim Deutschen
Institut für Jugend und Gesellschaft, Reichelsheim.
Updated: 8 February 2008
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